{"id":53,"date":"2014-09-21T11:04:05","date_gmt":"2014-09-21T09:04:05","guid":{"rendered":"http:\/\/dissidenz.noblogs.org\/?p=53"},"modified":"2019-07-19T07:25:20","modified_gmt":"2019-07-19T05:25:20","slug":"wie-fair-ist-ein-fairphone","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dissidenz.noblogs.org\/?p=53","title":{"rendered":"Wie &#8220;fair&#8221; ist ein Fairphone?"},"content":{"rendered":"<p>Zuerst mal was positives: Im Gegensatz zu vielen Alternativen am Markt, ist das Fairphone zumindest mal ein Versuch, nicht nur Geld zu machen, sondern auch Bewusstsein zu schaffen, f\u00fcr eine Problematik, die die Marketing-Industrie der Smartphone-Konkurrenz (bzw. generell die Consumer Electronics Industrie) gerne unterm Tisch fallen l\u00e4sst. Und sofern die Konsument_innen ihre Kritik nicht dabei belassen und glauben, dass mit ihrer finanziellen Unterst\u00fctzung eines Projekts alles getan ist, habe ich auch keine gr\u00f6\u00dferen Bedenken gegen Fairphones als solche. Im Gegenteil, glaube ich dass es einige Dinge richtig macht, die alle anderen Hersteller_innen beachten sollten:<\/p>\n<ul>\n<li>Bewusste(re) Auswahl der Rohstoffe.<\/li>\n<li>F\u00fcr etwas Transparenz der Produktionsbedingungen sorgen. (Ob die Transparenz ausreicht, ist eine andere Frage&#8230;)<\/li>\n<li>Durch Hardware-Design und leicht ersetzbare Komponenten die Langlebigkeit des Produkts erh\u00f6hen.<\/li>\n<li>Den ganzen Produktzyklus im Auge behalten und sich auch f\u00fcr Entsorgung und Wiederverwertung interessieren.<\/li>\n<li>Entwicklungsplan f\u00fcr die Zukunft haben.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Und das sind schon einige Dinge, aber nachdem ich hier keine Werbung machen wollte, muss ich doch sagen: irgendwas st\u00f6rt mich an der Message &#8220;<a href=\"https:\/\/waag.org\/sites\/waag\/files\/public\/Publicaties\/fairphone.pdf\">consuming is a political act<\/a>&#8221; und dass das einzige Problem die fehlende Wahl w\u00e4re &#8211; wo&#8217;s jetzt zum Gl\u00fcck dank Fairphone Abhilfe gibt. Ein Produkt, welches man kaufen kann, um die Welt zu verbessern. Es ist noch nicht da, wo es sein m\u00f6chte, aber mit der finanziellen Unterst\u00fctzung der Konsument_innen wird es das bald sein. (So das Verkaufsargument.)<!--more--><\/p>\n<p>Nevermind, dass der Wunsch, mit dem Kauf <a href=\"http:\/\/blog.faire-computer.de\/was-heist-konfliktfreie-rohstoffe-aus-dem-kongo-und-wie-fair-ist-das\/\">keine Konflikte<\/a> zu finanzieren, <a href=\"http:\/\/www.taz.de\/1\/archiv\/digitaz\/artikel\/?ressort=sw&amp;dig=2013%2F07%2F16%2Fa0086\">eventuell unvorhergesehene<\/a> Nebenwirkungen hat (wobei der Artikel zugegebenerweise nicht aktuell ist und sich seitdem viel getan hat) und dass die <a href=\"http:\/\/othes.univie.ac.at\/31240\/\">Ideologie des Fairen Handels<\/a> nicht darauf aus ist, die globalen Verh\u00e4ltnisse zu \u00e4ndern, sondern (mal abgesehen davon, dass es jetzt eher eine Marktnische ist) eher dabei ist (w\u00e4re), diese zu zementieren. (Das Bild ist klar, also wo produziert wird vs. wo konsumiert wird.)<\/p>\n<p><strong>Blutige Handys wegen 3TG &#8211; Conflict resources<\/strong><\/p>\n<p>Tin (Zinn), Tantalum (Tantal), Tungsten (Wolfram), Gold sind Elemente, die in der Unterhaltungsindustrie sehr wichtig sind, aber die generell eine eher komplexe, geopolitische Angelegenheit sind. Grund daf\u00fcr ist, dass gerade die 3TG in der Demokratischen Republik Kongo abgebaut werden und sich bewaffnete Milizen mitfinanzieren. Die Problematik wird seit den sp\u00e4ten 90ern aufgezeigt, im Jahr 2001 gab es einen Bericht der UN dazu und seit 2010 gibt es in den Vereinigten Staaten den Dodd-Frank-Act (der Firmen dazu zwingt, ein bisschen transparenter zu sein und zu versuchen, die Produktionskette bis zur Mine zur\u00fcckzuverfolgen.). Interessanterweise hat Australien seit genau diesem Jahr aufgeh\u00f6rt, Tantal abzubauen (wobei die zeitliche Korrelation nicht notwendigerweise kausal zusammenh\u00e4ngt). Ich wei\u00df grad nicht, was der Stand in der EU ist und ob sich die EU schon zu etwas verbindliches durchringen konnte,<\/p>\n<p>Die U.S. Geological Survey (USGS) hat jetzt einen ersten Report \u00fcber <a href=\"http:\/\/pubs.usgs.gov\/fs\/2014\/3069\/\">Wolfram rausgebracht<\/a>, der eher ern\u00fcchternd ist, indem was er aufdeckt. Interessanter ist da der Versuch der USGS im Jahr 2013 die <a href=\"http:\/\/pubs.usgs.gov\/of\/2013\/1239\/\">Produktionskette f\u00fcr Tantal<\/a> zur\u00fcckzuverfolgen. Oder der Versuch von Finnwatch &amp; Swedwatch einen <a href=\"http:\/\/makeitfair.org\/de\/die-fakten\/studien\">\u00dcberblick \u00fcber die Problematik<\/a> (Brosch\u00fcre &#8220;From Congo with [no] blood&#8221;, Stand Dezember 2012) rauszugeben.<\/p>\n<p>Treffend ist der Kommentar im WSJ, dass laut dem U.S. Department of\u00a0Commerce die Konfliktmineralstoffe <a href=\"blogs.wsj.com\/cfo\/2014\/09\/05\/conflict-minerals-too-hard-to-track-commerce-department-says\/%20\">zu schwer r\u00fcckverfolgbar<\/a> w\u00e4ren. Ob es letztlich ein sinnloses oder gar sch\u00e4dliches Unterfangen w\u00e4re, kann ich nicht beurteilen.<\/p>\n<p><strong>Wohin mit der Kritik?<\/strong><\/p>\n<p>Ich w\u00fcrd mir w\u00fcnschen, dass so Initiativen auch dazu aufrufen w\u00fcrden, dass eine politische \u00c4nderung notwendig ist. Und dass auch irgendwo die Frage gestellt wird (<a href=\"http:\/\/germanwatch.org\/de\/it-recycling\">neben anderen<\/a>), brauch ich \u00fcberhaupt so ein Gadget? (Dass sich nicht alle sowas leisten k\u00f6nnen, ist ein anderes Problem.)<\/p>\n<p>Das Problem ist nicht (nur), dass <a href=\"http:\/\/www.pm-magazin.de\/a\/unseren-handys-klebt-blut\">Blut an unseren Handys klebt <\/a>und die Welt in Ordnung w\u00e4re, wenn es das nicht mehr t\u00e4te (also dass meine Verantwortung mit der Entscheidung f\u00fcr ein Fairphone endet). Polemisch gesagt, geht&#8217;s dabei um koloniale Kontinuit\u00e4ten, bei der die ehemaligen Kolinalisten (sogenannte Industriel\u00e4nder) massivst profitieren, w\u00e4hrend den sogenannten Entwicklungsl\u00e4nder gesagt wird, dass sie sich nur weiterentwickeln m\u00fcssten. An einer globalen L\u00f6sung oder Umdenken scheinen die Unternehmen nicht wirklich interessiert (im Kapitalismus kein Wunder, geht&#8217;s da doch um Profitmaximierung).<\/p>\n<p>Wie so oft habe ich keine L\u00f6sung f\u00fcrs Problem, wobei so etwas wie \u00bbExtraterritorial Obligations\u00ab schon etwas sein k\u00f6nnten, die global sinnvoll w\u00e4ren (weil&#8217;s teilweise auch l\u00e4cherlich ist, was die UN so leisten kann und wenn ich eine Rede von Ban Ki-Moon h\u00f6re, denke ich auch eher an eine Schallplatte mit Sprung, als an eine Person, die relevante Dinge zu sagen hat&#8230;). Ich denk aber, dass es sich viele Menschen, Initiativen und Unternehmen zu einfach machen und das mit dem sozial-vertr\u00e4glichen Kapitalismus eine fette L\u00fcge. Weitere Probleme (Arbeitsbedingungen, Probleme f\u00fcr die Umwelt) w\u00fcrde ich in zuk\u00fcnftigen Artikeln kritisch beleuchten. (Sorry for the mess.) Derweil der Teaser vom <a href=\"http:\/\/germanwatch.org\/de\/download\/9756.pdf\">Weitblick<\/a>:<\/p>\n<blockquote><p>Umwelt- und Menschenrechtstandards sind eher schm\u00fcckendes Beiwerk als Kernbestandteile der Rohstoffstrategie. Eine Strategie hin zu einer Kreislaufwirtschaft, die unter anderem Ans\u00e4tze wie l\u00e4ngere Nutzung oder Recycling ins Zentrum stellt, l\u00e4sst sich daraus nicht ablesen.<\/p><\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zuerst mal was positives: Im Gegensatz zu vielen Alternativen am Markt, ist das Fairphone zumindest mal ein Versuch, nicht nur Geld zu machen, sondern auch Bewusstsein zu schaffen, f\u00fcr eine Problematik, die die Marketing-Industrie der Smartphone-Konkurrenz (bzw. generell die Consumer Electronics Industrie) gerne unterm Tisch fallen l\u00e4sst. Und sofern die Konsument_innen ihre Kritik nicht dabei [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":5671,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[23],"class_list":["post-53","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-category","tag-empfehlung"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/dissidenz.noblogs.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/53","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/dissidenz.noblogs.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/dissidenz.noblogs.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dissidenz.noblogs.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/5671"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dissidenz.noblogs.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=53"}],"version-history":[{"count":8,"href":"https:\/\/dissidenz.noblogs.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/53\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":64,"href":"https:\/\/dissidenz.noblogs.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/53\/revisions\/64"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/dissidenz.noblogs.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=53"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/dissidenz.noblogs.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=53"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/dissidenz.noblogs.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=53"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}